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Sehnsucht

           

Was ist Sehnsucht?

Als ich nach der Herkunft des Wortes gesucht habe, habe ich nichts gefunden was mich zufrieden gestellt hat, nichts was dem Gerecht geworden wäre was ich in der Tiefe mit diesem Wort verbinde.
Sehn-Sucht. Die Sucht etwas zu sehen? Ja, das ist Teil der Sehnsucht. Wir sehnen uns nach einer wunderschönen Landschaft, einem einsamen paradiesischen Strand, einer blühenden Alpenwiese im Frühling, umgeben von majestätischen Bergen, einem tiefen mystischen Wald oder einem Aussichtspunkt der uns den Blick auf endlose Weiten freigibt. Aber wir sehnen uns nicht nur danach, die wunderschönen Landschaften zu sehen, sondern wir wollen sie mit all unseren Sinnen wahrnehmen; wir wollen den Wind, die Sonne oder den Regen auf der Haut spüren, wir wollen den Duft des Waldes und der Blumen riechen, wir wollen die salzige Meeresluft schmecken und das Rauschen des Windes in den Blättern oder die Brandung der See hören. Wir wollen erleben und zwar mit all unseren Sinnen. Sehnen bedeutet wünschen – starkes, inniges Verlangen nach etwas. Die zweite Silbe “Sucht” deutet aber bereits den anderen, als negativ empfundenen Anteil der Sehnsucht an, der definiert ist als: schmerzlich empfundenes Verlangen nach etwas, was im Moment unerreichbar ist oder scheint.

 

Gefährdet Sehnsucht unser Glück im Hier und Jetzt?

Ich denke, dass man von der Sehnsucht, wie bei den meisten Dingen, die unsere menschliche Existenz ausmachen, weder sagen kann, dass sie uneingeschränkt schlecht oder uneingeschränkt gut ist. Zunächst mal ist sie zutiefst menschlich. Wir alle kennen sie. Wir alle haben schon darunter gelitten und wir alle haben sie schon genossen. Unsere Sehnsucht kann sich in Träumen und Phantasien ausdrücken, tiefen Wünschen, Verlangen oder Vorstellungen, die wir vielleicht früher oder später in die Tat umsetzten. Sie kann aber auch nostalgisch und melancholisch daher kommen und sehr schmerzhaft sein. Wir sehnen uns eine bestimmte Situation, einen Ort oder einen Menschen aus unserer Vergangenheit zurück – vielleicht sogar alles drei auf einmal. Und Sehnsucht kann dazu führen, dass wir uns nach etwas anderem sehnen als das, was wir gerade haben. Hier liegt in meinen Augen der negative und gefährliche Anteil der Sehnsucht; gefährlich für das eigene Glück, da wir in diesem Fall dazu neigen mit dem was wir bereits haben, nicht zufrieden zu sein. Allzu oft gucken wir nicht auf all die tollen Dinge, die uns das Leben geschenkt hat, sondern nur auf das was uns noch “fehlt”. Wir sind nicht dankbar für das was wir haben, sondern voller Sehnsucht nach etwas anderem oder nach noch mehr. Es könnte hilfreich sein diesem Aspekt der Sehnsucht sehr bewusst zu begegnen, ihn wahrzunehmen, ihn einzuladen wie einen Gast der in unserem Haus herzlich willkommen ist, dabei aber stets in dem Bewusstsein, dass er nur ein Gast ist, der nicht für immer bleiben wird und dessen Worten wir nicht als Tatsachen hinnehmen müssen. Wir können diesen Anteil der Sehnsucht, der sich in schmerzlichem Verlangen nach etwas was wir nicht haben äußert, wahrnehmen und uns darin üben, unser Leben so wie es ist anzunehmen und weniger Widerstand gegen unsere momentanen Lebensumstände zu leisten. Das kann uns dabei helfen das Verlangen das uns Leid bereitet loszulassen und das Hier und Jetzt und die Umstände unseres Lebens zu genießen, da wir dann nicht mehr der Meinung sind so wie es ist, sei es nicht gut genug und wir müssten etwas verändern um glücklich zu sein. Insbesondere in unserer modernen Welt, in der wir durch Social Media und starke Vernetzung mit dem Rest der Welt fast ununterbrochen von Eindrücken überschüttet werden, die ständig neue Sehnsüchte und Wünsche in uns auslösen, kann das eine sehr hilfreiche Fähigkeit sein.

Sehnsucht – der Wegweiser zur Entfaltung unseres vollen Potenzials

Sehnsucht hat einen sehr positiven, hilfreichen und heilsamen Anteil. Im dem Gefühl der Sehnsucht zeigen sich nämlich auch unsere tiefsten und unbewussten Bedürfnisse. Wir sind seid unserer Geburt daran gewöhnt worden den Erwartungen und Vorstellungen anderer zu entsprechen. Für unsere Eltern sollten wir brave Kinder sein, in der Schule artig und gelehrsam, in der Gesellschaft je nach Verortung eine bestimmte Rollen einnehmen, die gesellschaftlich normiert und in einem bestimmten Rahmen vorgegeben ist, unsere Rollen als Vater/Mutter, Freund*in oder Partner*in sind an die Erwartungen des Gegenübers geknüpft, an der Arbeit und in unserem bürokratischen System müssen wir nach bestimmten Vorgaben agieren und funktionieren wenn wir nicht anecken wollen. Wir geben uns alle Mühe allem und allen Gerecht zu werden. Das führt immer wieder dazu, dass wir eine Person vergessen: uns selbst. Voller Angst nicht geliebt und akzeptiert zu werden oder durch das Raster des Systems zu fallen, sind wir nur mit “Äußeren Wünschen” beschäftigt.
Doch dann plötzlich nachts auf dem Weg nach Hause fällt uns der wunderschöne Sternenhimmel auf, wir sehen den anmutigen Vollmond durch das Schlafzimmerfenster oder einen Sonnenuntergang, vielleicht sehen wir auch ein Bild oder einen Film die starke Gefühle in uns auslösen. Plötzlich ist sie da die Sehnsucht; nach Freiheit, danach uns eins zu fühlen mit der Natur und mit anderen Menschen, Schönheit bewusst wahrzunehmen und zu genießen und uns lebendig zu fühlen und das Leben ins uns zu spüren, Freude zu empfinden und all die vielen, oft unwichtigen Sorgen, die uns vom Leben trennen für einen Moment zu vergessen und nur den Moment zu genießen. Plötzlich erinnern wir uns an magische Momente in der Vergangenheit in denen wir vielleicht die Schönheit dieser Welt an einem einzig arten Ort in der Natur wahrgenommen haben, die Zeit still zu stehen schien und vollkommene Stille eingetreten war – nicht nur als Abwesenheit von Lärm, sondern als Stille der Gedanken, Stille in unserem Kopf und in unserem Herzen – innere Ruhe und Friede. Vielleicht erinnern wir uns auch an ganz besondere Momente mit Menschen, die wir sehr lieben, wie wir zusammen gelacht, gefeiert und getanzt haben, wie unendlich glücklich wir waren und wie “ganz” und erfüllt wir uns in diesem Moment gefühlt haben.
Sehnsucht kann ein starkes Bauchgefühl sein, ein Sehnen, dass wir im Herzen spüren und das uns darauf aufmerksam machen möchte, dass wir vor lauter Verpflichtungen, Gedanken, Sorgen, Funktionieren und der vielen Hektik wieder einmal vergessen haben was uns wirklich wichtig ist in diesem Leben. Wir spüren dann, dass wir nicht unser volles Potenzial leben und meist viel zu abgelenkt sind um wahrzunehmen, dass dem so ist. Diese innere Stimme ist eine Art innere Weisheit, der wir durchaus Gehör schenken und auch folgen dürfen, denn ich bin fest davon überzeugt, dass sie uns auf den richtigen Weg bring; näher zu uns selbst und unseren echten Bedürfnissen; näher zu unserer Essenz, unserem Naturell, unserem Wesenskern, unseren Stärken und Talenten. Tief in jedem von uns sitzt die Weisheit darüber was wir wirklich brauchen und welchem Weg wir folgen müssen um uns voll zu entfalten, uns selbst gerecht zu werden, das zu tun was uns entspricht und dadurch glücklich zu sein. Davon bin ich fest überzeugt. Die Sehnsucht ist in diesem Fall unser Kompass! Sie weißt uns die Richtung. Und hier sei nun nochmal die Definition der Sehnsucht betont: “das Verlangen nach etwas das im Moment unerreichbar ist oder auch nur so scheint”. Schließen möchte ich daher mit folgendem Zitat von John O´Donohue: „Das Schönste, was wir überhaupt besitzen, ist unsere Sehnsucht.“

 

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. ich nutze Dankbarkeitssteine um Innezuhalten und mich daran zu erinnern, wie gut es mir geht. Wenn ich mich sehne, dann bin ich mit mir in Kontakt. Es kommt dann auch schonmal vor, das ich Tagträume. Vielen Dank für den schönen Artikel uns fürs Teilen.

    1. Liebe Isabell, vielen Dank für deinen Kommentar. Mit-sich-selbst-in-Kontakt-sein ist es sehr schöne und heilsame Seite von Sehnsucht was durch deine Tagträume noch verdeutlich wird! Wunderbar. Vielen Dank für die Rückmeldung!

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